Die Idee zum Biohof kam beim Jäten. David Metzger stand zwischen den Sojapflanzen inmitten der sanft gewellten Aargauer Hügel, Rücken gebeugt, Finger dreckig. Die Familie Metzger hatte das Unkraut nicht mit der grossen Chemiekeule bekämpfen wollen – die Sojabohnen reagierten darauf empfindlich. Wuchsen schlechter, blieben kleiner. «Da sagte ich mir: Wenn wir den ganzen Aufwand fürs Jäten eh haben, können wir genauso gut Bio machen», sagt David. 

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Drei Generationen von Metzger-Männern gehören zum Tannenhof in Möhlin. Grossvater Fritz, 91 Jahre alt, zerfurchtes Gesicht, wenig Zähne, schelmisches Grinsen. Vater Hans, der den Hof seit 1993 zusammen mit seiner Frau Käthi bewirtschaftet. Braungebrannt, sehnige Arme. Und Sohn David, angehender Agronom, der dereinst den Hof übernehmen wird. 

Grösser, schneller, produktiver

Der Grossvater wuchs während der Anbauschlacht des Zweiten Weltkriegs auf. Auf jedem freien Quadratmeter wurden damals Kartoffeln gepflanzt. Reichtum bedeutet für den Grossvater, genug zu essen zu haben. Er erinnert sich noch genau an eine Radioansage in den 1960er Jahren, als sich Bundesrat Hans Schaffner an die Bauern wandte: «Zeigt, was ihr könnt!» Dem damals noch jungen Fritz wurde die Vision der grösstmöglichen Produktion eingeimpft. Und er machte sich daran, sie mit den aufkommenden chemischen Hilfsmitteln umzusetzen.

Als der Vater in den 1990er Jahren den Hof übernahm, wurden Antibiotika zwar noch als Wundermittel gefeiert und massenweise eingesetzt Kuhmilch Schweizer Bauern spritzen rekordmässig Antibiotika . Doch erste Stimmen forderten: zurück zur Natur. 

Der Sohn kennt nichts anderes, als dass sich Bauern um die Antibiotikaresistenz sorgen. Sich über Alternativen für Kunstdünger und Spritzmittel Pestizide «Ein Freipass für die Agrochemie» Gedanken machen. Es war auch der Sohn, der erstmals mit dem Vater sprach: Wie wäre es, den Hof auf Bio umzustellen?

Der Vater war interessiert. Ihm war schon lange klar, dass sich etwas ändern musste, wenn sein Hof überleben sollte. Der Milchpreis war gefallen Milchpreis Hat dieser Schweizer Bauer den Ausweg gefunden? , für die 14 Kühe lohnte sich die Arbeit kaum. Konventionelle Landwirtschaft, sagt er, sei auf kleinen Höfen finanziell beinahe unmöglich geworden. Der Grossvater hingegen reagierte auf das Stichwort Bio mit Entsetzen. «Er stiess einen riesigen Schwall Rauch aus der Pfeife», erinnert sich Vater Hans. Das Rad werde 100 Jahre zurückgedreht, habe er dann geschimpft. Bio wäre eine Schande für den Tannenhof.

Der Kampf gegen das Unkraut

David Metzger spaziert an den Feldern vorbei. Drei Hektaren Winterweizen, je zwei Hektaren Speisesoja, Silomais und Winterlein. Auf einer kleinen Fläche wachsen Kürbisse, weiter hinten experimentiert der 25-Jährige mit Süsskartoffeln. «Der Lein ist im Frühling am schönsten», schwärmt er. «Die blauen Blüten bewegen sich im Wind wie Wellen im Meer. Und dazwischen blühen die Mohnblumen.»

Die Mohnblumen gedeihen, weil der Hof seit 2017 ein Vollknospe-Biobetrieb ist. Das heisst für den Ackerbau: keine chemisch-synthetischen Hilfsmittel, stattdessen eine vielseitige Fruchtfolge. Wovor hatten Metzgers bei der Umstellung am meisten Angst? David: dass sie den Kampf gegen das Unkraut verlieren würden. «Ein paar Mohnblumen sind das eine. Aber wir wussten nicht, ob die Felder ohne Chemie überwuchern würden.» 

Bewahrheitet haben sich die Befürchtungen «so halb», wie David sagt. «Wir sind immer noch am Üben.» Metzgers probierten alles Mögliche aus. Etwa Unkrautkuren, um das Wachstum der unerwünschten Keimlinge anzuregen und sie nachher mechanisch zu zerstören. Jäten von Hand, mit der Hacke. Oder den Striegel, eine riesige Maschine, die das Unkraut wie ein rostiger Strähl aus der Erde kratzt. «Früher wollten wir auf unseren Feldern nur Nutzpflanzen sehen», sagt Vater Hans. «Jetzt lernen wir, auszuhalten, dass andere Halme dazwischen wachsen.» 

Alles geht weg – nur Raps nicht

Von seinem neuen Wissen hat der Vater vieles in einem Kurs erworben, der für Bauern obligatorisch ist, die ihren Hof zertifizieren lassen wollen. Sieben Tage dauerte dieser, mit erfahrenen Referenten aus dem Biolandbau. Geholfen haben auch Merkblätter des Dachverbands Bio Suisse und des Forschungsinstituts für biologischen Landbau. Für fast alle Produkte haben die Metzgers Abnehmer gefunden. Ausser für Raps, weswegen sie auf Lein gewechselt haben. Speisesoja liefern sie an die Mühle Rytz in Biberen BE, anschliessend gelangt es als Bio-Tofu Fleischlos glücklich 9 Alternativen zu Fleisch  in die Regale von Coop.

20 bis 25 Prozent mehr Aufwand hat die Familie, seit sie ihre Felder nach den Biorichtlinien bewirtschaftet. «Anstrengend, aber verkraftbar», sagt Vater Hans. Auch weil die Folgen der Mehrarbeit direkt ersichtlich sind. «Der Boden lebt», sagt er. «Die Regenwürmer verstecken sich nicht mehr in den tieferen Schichten, sondern kriechen an die Oberfläche.» Was den Pflanzen nützt: Wurmdreck ist ein natürlicher Dünger. Auch die Sojabohnen gedeihen besser, sagt er. Kräftiger seien sie. 

Sorgen machten sich Metzgers auch um ihre Kühe. Neben der Umstellung auf maximal zehn Prozent Kraftfutter und den neuen Vorgaben für regelmässigen Auslauf dürfen sie vorbeugend keine Antibiotika mehr Kuhmilch Schweizer Bauern spritzen rekordmässig Antibiotika geben. Erst wenn ein Tier fieberhaft erkrankt. «Früher wussten wir nicht, wie wir ohne Antibiotika mit Euterentzündungen umgehen sollten», sagt David. Neben homöopathischen Mitteln wie Globuli, die er kränkelnden Kühen verabreicht, bedeckt er heute die Zitzen der trächtigen Tiere mit einem Versiegler, damit keine Erreger in das Euter gelangen.

«Der Grossvater hat aufgehört zu schimpfen.»

Hans Metzger mit seinen Kühen

«Wir erwirtschaften weniger Ertrag. Dafür geht es Tieren, Pflanzen und Boden gut. Und der Grossvater hat aufgehört zu schimpfen.» – Hans Metzger in seinem Kuhstall.

Quelle: Joseph Khakshouri
Entspannte Kühe sind fruchtbarer

Seit der Umstellung geben die Kühe weniger Milch Vegane Ernährung Es muss nicht immer Milch sein , unter anderem weil sie kein Kraftfutter mehr essen. «Sie sind aber gesünder, was sich in den Tierarztkosten niederschlägt», so David. Fast alle Kühe – ausser Fiona und Fanta – mussten nur einmal besamt werden, bis sie trächtig waren. «Entspannte Kühe sind vermutlich fruchtbarer.»

Eineinhalb Jahre ist es her, seit der Tannenhof offiziell ein Biobetrieb Biologisch vs. konventionell Kann Bio die Welt ernähren? wurde. Noch ist es schwierig, die Vor- und Nachteile abzuwägen. «Wir lernen jeden Tag dazu», sagt Hans Metzger. Schon jetzt ist klar, dass sich der Schritt finanziell gelohnt hat. Über 10'000 Franken zusätzlich verdienen Metzgers pro Jahr mit den Kühen, weil der Milchpreis höher ist. Bei den Ackerpflanzen sei eine Rechnung schwierig – es war das erste Jahr ohne Raps und mit Lein. «Das Wetter führt zudem zu grösseren Schwankungen.»
 

«Heute erwirtschaften wir weniger Ertrag. Dafür geht es den Pflanzen und dem Boden gut. Und wir erhalten einen fairen Preis.»

Hans Metzger


Die zusätzlichen Franken sind ein willkommenes Plus in der Kasse. Zwei Jahre lang, während der Umstellungszeit, mussten Metzgers sämtliche Vorschriften einhalten, ohne Biopreise verlangen zu können. Für einige Produkte, etwa für den Raps, gab es immerhin Umstellungspreise. Dennoch verdienten sie damals einen niedrigen fünfstelligen Betrag pro Jahr weniger, schätzt Hans Metzger – die Mehrarbeit von rund einem Tag pro Woche nicht eingerechnet. «Ferien im Ausland wären nicht drin gewesen», sagt er und zuckt mit den Schultern. «Aber das machen wir sowieso nie.»

Müsste Hans Metzger mit einem Wort beschreiben, wie es ihm seit der Umstellung geht, würde er sagen: befreit. In der Landwirtschaftsschule Ende der 1980er Jahre lernte er, wie er den Ertrag maximieren konnte. «Drei-, viermal Kunstdünger, dann Pilzbehandlung, dann Spritzen gegen Unkraut, dann Insektizide gegen Blattläuse», erinnert er sich. Die sinkenden Preise führten mit den Jahren zu einem Produktionsdruck, der ihn erschöpfte. «Heute erwirtschaften wir auf dem Tannenhof weniger Ertrag. Dafür geht es den Pflanzen und dem Boden gut. Und wir erhalten einen fairen Preis.»

Bio ist nicht für alle machbar 

Ihm ist bewusst, dass Bio Grenzen hat. Zwar wächst die Nachfrage. «Rund 90 Prozent der Konsumenten wollen aber günstige Nahrungsmittel», sagt er. «Unmöglich, dass alle Bauern auf Bio setzen.» Das gilt vor allem für Grossbetriebe, die konventionelle Mastställe mit Tausenden von Hühnern Tierhaltung Den Himmel sehen die «Optigal»-Hühner der Migros nie oder Schweinen gebaut haben. «Das sind Millioneninvestitionen. Da gibt es kein Zurück mehr.»

Nach dem Hofrundgang spaziert David Metzger zurück zum Haus, wo der Grossvater auf einer Holzbank in der Sonne sitzt, die Pfeife zwischen die ihm noch verbleibenden Zähne geklemmt. Von Bio wird Fritz Metzger nie begeistert sein, zu sehr hat ihn seine Zeit geprägt. Aber er schimpft nicht mehr. «Die beiden machen das gut», sagt er und zündet sich die Pfeife an. Vater und Sohn lächeln. «Es ist eine andere Zeit», so der Grossvater. «Man muss pragmatisch sein. Wie sollen sie heute sonst mit einem so kleinen Hof überleben?»

Bio ist nicht gleich Bio

Bauern, die ihre Produkte mit dem Bio-Knospe-Label von Bio Suisse auszeichnen, müssen strengere Richtlinien erfüllen als Produzenten, die beispielsweise mit dem EU-Bio-Gütesiegel zertifiziert sind. Das EU-Biolabel garantiert, dass der Bauer keine Herbizide, Pestizide oder sonstige chemische Spritzmittel verwendet. Wenn ein Hof wie derjenige der Familie Metzger aber mit dem Knospe-Label zertifiziert ist, muss der gesamte Landwirtschaftsbetrieb biologisch geführt werden. Das im Unterschied zu EU-Bio, wo auch die sektorielle Bioproduktion auf einem Betrieb erlaubt ist. 

Jeder Knospe-Hof muss die Biodiversität fördern, etwa mit der Haltung von Bienen oder der Pflege von Hecken. Nebst dem biologischen Anbau achtet das Label auf Tierwohl und fairen Handel. Zudem dürfen Knospe-Produkte keine Zutaten enthalten, die mit dem Flugzeug in die Schweiz gelangt sind Transport um die halbe Welt Der Irrsinn mit den Cashewnüssen . Die Lebensmittel müssen schonend verarbeitet werden und dürfen keine unnötigen Zusatzstoffe enthalten.

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Quelle: Bio Suisse
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Matthias Pflume, Leiter Extras
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