Manchmal verschicke sie die letzten Samen einer Blumensorte, erzählt Mira Langegger. In ihrem Labor am Hauptsitz der Stiftung Pro Specie Rara hängt ein süsslicher Duft in der Luft. Er stammt von den unzähligen Papiersäcken voller Bohnenschoten, Zwiebel- oder Lauchsamen im Raum.

Langegger ist Leiterin der sogenannten Samenbibliothek von Pro Specie Rara, eines Klimaraums gleich neben ihrem Labor. Hier lagern bei 15 Grad Celsius und 15 Prozent Luftfeuchtigkeit Samen von mehr als 1500 seltenen Sorten – vor allem von Gemüse- und Getreidesorten, aber auch von etwa 150 Sorten Zierpflanzen. So hütet Langegger etwa die letzten Samen der Stiefmütterchensorten Blüemlisalp, Grimsel, Höhenfeuer, Niesen, Mönch und Jungfrau, deren Vermehrung die Schweizer Saatgutfirma Roggli vor ein paar Jahren eingestellt hat.

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Samen bleiben nicht ewig keimfähig

Ob Goldlack, Gartenlevkojen, Duftwicken, Tagetes, Akelei oder Nelken – viele Blumenarten, die früher noch in Schweizer Gärten wuchsen, sind in den letzten Jahrzehnten rar geworden. Denn die Blumen, die wir in Gärtnereien oder beim Grossverteiler kaufen, stammen oft aus dem Ausland. Das meiste Saatgut wird von internationalen Grosskonzernen produziert. «Regionale Sorten werden kaum berücksichtigt», sagt Mira Langegger. Ohne das Engagement von Einrichtungen wie Pro Specie Rara könnten viele davon verschwinden.

Doch um die seltenen Schönheiten vor dem Aussterben zu bewahren, reicht es nicht, ihre Samen zu sammeln und einzulagern. «Die meisten Samen bleiben nur drei bis vier Jahre keimfähig», erklärt Langegger. «Um sie zu erhalten, müssen wir das Saatgut alle paar Jahre erneuern.» Und das schafft Pro Specie Rara nicht allein, obschon die Stiftung mit den Merian-Gärten Basel, dem Zierpflanzengarten Elfenau in Bern, dem Kreuzganggarten des Grossmünsters Zürich und anderen zusammenarbeitet.

Labor Pro Specie Rara

Mira Langegger trägt die Verantwortung für Tausende von sortenreinen Samen.

Quelle: Kostas Maros

Denn die meisten Zierpflanzen sind Fremdbefruchter und könnten sich mit anderen Sorten der gleichen Art kreuzen. Sortenreine Samen kann man nur ernten, wenn in einem Umkreis von 200 Metern keine ähnlichen Pflanzensorten wachsen. Pro Specie Rara zählt deshalb auf rund 500 freiwillige Samengärtnerinnen und Samengärtner, die in ihren eigenen Gärten seltene Sorten vermehren.

Voraussetzung ist ein Samenbaukurs

Im Frühling prüft Langegger jeweils in der Datenbank, welche Sorten vermehrt werden müssen, und verschickt dann Portionen von 30 bis 100 Samen in die ganze Schweiz. An Einsteiger, die erst vor kurzem den Samenbaukurs von Pro Specie Rara besucht haben, schickt sie zum Beispiel Tagetes, Sommerastern oder Duftwicken. Im Herbst ernten die Freiwilligen die Samen und schicken einen Teil davon an Langegger zurück.

Wie Langegger selbst bei der Samenernte vorgeht, zeigt sie am Beispiel der leuchtend pink blühenden Kosmee «Dazzler», deren getrocknete Samenstände sie eben im Garten abgeschnitten hat. «Je nach Aufbau der Blüten muss man schauen, wie man die Samen am besten rausbringt. Es gibt kein Generalrezept», sagt sie, während sie Blütenblätter und Samen von den Blütenständen zupft.

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Dann gilt es, die Samen von Blütenblättern und anderen Pflanzenresten zu reinigen, denn daran könnten Pilzsporen haften. «Bei kleinen, runden Samen kann man ein Sieb nehmen», sagt sie. Die Kosmeen-Samen sind jedoch lang und schmal. So nimmt Langegger büschelweise Material aus der Schale und pustet vorsichtig darauf, während sie es durch die Finger rieseln lässt. «Reife gute Samen sind schwer und fallen runter, das ganze andere Zeug ist leicht und fliegt davon. Das muss man machen, bis einem schwindlig ist.»

Etwas ausser Atem prüft sie das Resultat. Sie ist zufrieden: Die Samen sind hart und dunkel. Beste Voraussetzungen, um nächsten Frühling wieder zum Leben zu erwachen.

Unterstützen Sie Pro Specie Rara beim Artenschutz

Möchten Sie helfen, das Überleben seltener Zierpflanzen zu sichern? Dann werden Sie Gönner und bestellen Sie über den Pro-Specie-Rara-Sortenfinder gratis Saatgut.

Wenn Sie danach auch noch eigenes Saatgut herstellen und einen Teil davon an die Samenbank von Pro Specie Rara zurückschicken wollen, können Sie Sortenbetreuer werden. Als solcher betreuen Sie über einen längeren Zeitraum mindestens zwei Pro-Specie-Rara-Sorten.

Haben Sie ausreichend Erfahrung, kommt ein Engagement als Samengärtner in Frage: Ein solcher vermehrt jährlich zwei Sorten der roten Liste. Voraussetzung für die Mitarbeit ist der Besuch des Samenbaukurses von Pro Specie Rara.

Infos & Anmeldung: www.prospecierara.ch

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Raphael Brunner, Redaktor
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