Beobachter: Iris Reichler, wegen Corona werden viel mehr Hunde importiert. Merken Sie im Zürcher Tierspital etwas davon?
Iris Reichler:
Das merken wir sogar sehr deutlich. Man kann von einem eigentlichen Corona-Welpen-Boom sprechen. Weil viele zu Hause arbeiten und die Kontaktmöglichkeiten eingeschränkt sind, haben plötzlich viel mehr Leute den Wunsch nach einem Hund. Wir hören aus Tierheimen, dass praktisch keine Tiere mehr auf dem Markt sind. Vor allem hat aber der Import von Welpen massiv zugenommen. Und bei uns in der Tierklinik werden sehr viel mehr schwer kranke Welpen als in normalen Zeiten eingeliefert. Die stammen praktisch alle aus dem Ausland, und zwar sowohl aus dem illegalen wie aus dem legalen Handel.

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Woran leiden die Tiere?
Im Moment sind Zwerghunde extrem beliebt, also Zwergspitz, Pomeranians und auch französische Bulldoggen. Gerade diese kleinen Hunde sind sehr anfällig, wenn sie über weite Strecken transportiert werden. Deshalb sind sie häufig schwer krank. Zum Teil kommen sie im Koma bei uns an, sind nicht mehr ansprechbar, komplett unterzuckert oder haben eine Magen-Darm-Entzündung. Wenn solche Krankheiten nicht adäquat behandelt werden, sterben die Tiere sehr schnell.


Werden mehr Welpen illegal importiert?
Bei uns landen auch viele legal importierte Welpen. Es boomt sowohl der legale wie der illegale Welpenhandel. Für Käuferinnen und Käufer, die ihren Traumwelpen im Internet suchen, ist es praktisch unmöglich, zu unterscheiden, was erlaubt ist und was nicht. Für illegal importierte Hunde aus Ländern mit Tollwut bedeutet das in der Regel, dass wir sie einschläfern müssen. Aber auch der legale Handel ist für die Welpen oft mit massivem Leid verbunden.


Müssen Sie mehr Welpen einschläfern als in normalen Zeiten?
Unser Problem ist, dass die Besitzer sehr häufig nicht bereit sind, die Kosten für eine Behandlung zu übernehmen. Welpen zu therapieren, ist sehr anspruchsvoll, denn sie sind körperlich noch unreif, und ihr Immunsystem ist noch nicht so gut wie bei erwachsenen Tieren. Man muss deshalb die Therapie permanent nachjustieren: Medikamente hinzu, Medikamente absetzen, mehr Elektrolyte, weniger Zucker und so weiter. Solche Intensivpatienten muss man in der Regel alle zwei Stunden kontrollieren. Zudem muss man sie alle drei oder vier Stunden füttern und andauernd reinigen, weil sie sonst in ihrem Erbrochenen oder ihrem Kot liegen. Das alles ist aufwendig und geht ins Geld. Die meisten Besitzer haben aber ein Schnäppchen gemacht und erschrecken nun angesichts der Kosten.


Wie funktioniert der Betrieb an der Kleintierklinik mit den vielen importierten Welpen? 
Ich empfinde einen ungeheuren emotionalen Druck. Ich ertrage es kaum, wenn ich ein Tier behandle und der Besitzer sagt: Bei 1500 Franken Behandlungskosten ist Schluss. Dann habe ich die Wahl, entweder den Hund innerhalb von fünf Tagen zu kurieren oder ihn nach dieser Zeit einzuschläfern. Das halte ich kaum aus. Wir sind Tierärzte, wir wollen den Tieren helfen, wir wollen sie nicht einschläfern.


Reden Sie solchen Besitzern ins Gewissen?
Was soll ich jemandem sagen, der mir erklärt, er habe das Geld für die Behandlung nicht? Wir bieten Ratenzahlungen an und machen alles Mögliche. Aber wenn ein Tier letztlich dem Besitzer eine angemessene Behandlung nicht wert ist, können wir das nicht ändern.
 

«Die Angst, dass man einen Hund euthanasieren muss, ist sehr belastend und sehr fordernd.»

Iris Reichler, Abteilungsleiterin am Tierspital Zürich

Lassen Besitzer einen kranken Welpen einschläfern und bestellen sich einen neuen?
Das kommt sicher vor. Das Problem ist: Wenn ein Besitzer einen Welpen auf diese Art verloren hat, will er einen neuen, und zwar sofort. So, wie er einen neuen Bürostuhl oder neue Schuhe will, die man auch einfach im Internet bestellen kann.


Was macht das mit Ihnen persönlich? Macht diese Arbeit so überhaupt noch Spass?
Hm, Spass? Ich sags mal so: Wir haben im Moment einen portugiesischen Welpen mit Parvovirose, der hat heute zum ersten Mal drei kleine Stücke Poulet gefressen. Da strahlt das ganze Team, da leben wir mit. Aber umso schlimmer ist es dann, wenn morgen der Zuständige vom Nachtdienst sagt: Es geht ihm schlechter. Da leidet man mit. Wir sind solche Situationen gewohnt, aber psychisch ist es schon sehr hart. Die Angst, dass man einen Hund euthanasieren muss, ist sehr belastend und sehr fordernd. Aber eigentlich befürchte ich, dass die grossen Probleme erst nach der Pandemie auftauchen.


Warum das denn?
Im Anschluss an die Homeoffice-Zeit wird es für sehr viele Besitzer schwierig werden, ihre jetzt angeschafften Hunde zu behalten. Dann kann man ja wieder in die Ferien fliegen – und da stört der Hund. Oder man kann wieder ins Fitnessstudio gehen, und das macht man lieber, als mit dem Hund im Regen Gassi zu gehen.

Zur Person

Professorin Iris Reichler ist Tierärztin und Abteilungsleiterin am Tierspital Zürich.

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