Ueli Steck, Ringgenberg, 32-jährig. Er zählt zu den besten und vielseitigsten Alpinisten der Welt. Besonders bekannt ist er für seine mutigen Solos (Begehung einer Kletterroute im Alleingang unter Verzicht auf technische Hilfs- und Sicherungsmittel) in Fels und Eis und seine Erstbegehungen. Nebst Bergsteiger ist Ueli Steck auch noch Zimmermann.

Simon Anthamatten, Zermatt, 25-jährig. Auch er gilt als einer der besten Alpinisten der Welt. Der junge Zermatter gewann im Winter 2007/2008 den Ice Climbing World Cup, ist also Weltmeister im Eisklettern. Zudem hat er das Matterhorn zusammen mit Michael Lerjen in der Rekordzeit von zwei Stunden und 33 Minuten bezwungen - hin und zurück. Simone Anthamatten hat drei Berufsausbildungen absolviert: Er ist Geomatiker, Skilehrer und Bergführer.

Partnerinhalte
 
 
 
 

19. Mai 2008, Basislager der Annapurna-Südwand, Nepal, 4200 Meter: Die Extrembergsteiger Ueli Steck, 32, und Simon Anthamatten, 25, warten. Sie wollen - als erste Menschen überhaupt - die Südwand durchsteigen. Seit Tagen Nebel, Schneefall, Lawinengefahr, als plötzlich ein Notruf kommt: Ein Spanier und ein Rumäne sitzen weiter östlich fest, auf 7400 Metern Höhe. Der Spanier ist kollabiert, bewegungsunfähig. Der Rumäne hält sich mit letzter Kraft aufrecht.

Obwohl sie keine passende Ausrüstung dabei haben, machen sich Steck und Anthamatten sofort an den Aufstieg, um zu helfen. Ihre gesamte Ausrüstung liegt am Fuss der Südwand, einen Tagesmarsch von ihrem Basislager entfernt. «Es ging um Leben und Tod, da überlegst du nicht», sagt Ueli Steck.

Nach einem zweitägigen Gewaltmarsch erreichen sie das Camp 3 auf 6900 Metern Höhe. Per Funk können sie den Rumänen dazu überreden, seinen spanischen Kollegen allein zu lassen und abzusteigen. «Einen Menschen zu retten, in dieser extremen Höhe, ist bereits gefährlich. Zwei - das ist unmöglich», sagt Steck.

In Camp 3 treffen sie auf einen Bergsteiger, der selbst zu erschöpft ist, um sich an der Rettung zu beteiligen. Aber er hat die richtigen Bergschuhe, die vor extremer Kälte schützen. Steck leiht sie sich aus und geht allein weiter. Anthamatten muss zurückbleiben. Er wartet auf die Ankunft des Rumänen und begleitet ihn sicher ins Basislager zurück.

Nach 12 Stunden erreicht Steck endlich den Spanier. Die mitgebrachten Medikamente helfen nicht. Ueli Steck muss miterleben, wie der Spanier vor seinen Augen stirbt. «Ich hatte kaum Emotionen, konnte mir keine leisten, weil ich so schnell wie möglich wieder hinunter musste.» Erst in der Schweiz hätten sie die Kraft gehabt, sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen, sagt Steck. Etwas tröste ihn: «Er musste nicht alleine sterben.»

Interview mit Simon Anthamatten

Die Alpinisten Ueli Steck und Simon Anthamatten gewannen den mit 25'000 Franken dotierten Jurypreis des Prix Courage 2008. Sie sind im Mai im Annapurna-Massiv zwei Bergsteigern unter Lebensgefahr zu Hilfe geeilt.


Beobachter: Simon Anthamatten, Sie und Ueli Steck haben den Prix Courage gewonnen. Überrascht?
Simon Anthamatten: Ich habe nicht damit gerechnet. Was wir gemacht haben, bringt ja eigentlich niemandem etwas.

Beobachter: Was bedeutet Mut für Sie?
Anthamatten: In schwieriger Lage die richtige Entscheidung treffen. Schnell handeln. Das Problem ist, dass viele Leute nur für sich schauen. Einem Menschen in Not sollte man immer helfen. So sollte man erzogen sein.

Beobachter: Brauchen Extrembergsteiger speziell viel Mut?
Anthamatten: Ein Aussenstehender denkt von Ueli Steck und mir vielleicht: Die spinnen total. Aber wir sind keine Draufgänger, wir haben technisch und konditionell ein hohes Niveau. Wir analysieren die Risiken genau.

Beobachter: Sie sind ohne Ueli Steck an die Gala des Prix Courage gekommen. Hängt Ihr Bergsteigerkollege schon wieder in einer Felswand?
Anthamatten: Ja, er ist für Filmaufnahmen unterwegs.

Beobachter: Ihnen beiden ist es gelungen, einen Menschen zu retten. Für einen zweiten kam jede Hilfe zu spät, er starb. Haben Sie seit dieser Erfahrung mehr Angst vor Extrem-Expeditionen?
Anthamatten: Nein. Wenn der Verunglückte einem nicht nahe stand, betrachtet man das objektiv. Man fragt sich, was hat er falsch gemacht? Dann probiert man, aus seinen Fehlern zu lernen. Wenn man den Verunglückten aber gut kennt, ist das viel schwieriger.

Beobachter: Was ging Ihnen durch den Kopf, als der Notruf kam?
Anthamatten: Wir haben sofort einen Plan gemacht, wie wir vorgehen müssen - und sind gestartet. Von Anfang an war klar, dass wir helfen.

Beobachter: Haben Sie in dem Moment auch an Ihre Freundin gedacht?
Anthamatten: In solchen Situationen braucht man die ganze Konzentration. Für Gedanken an die Liebsten hat man nachher Zeit.

Interview: Yvonne Staat