Sie sind mit Ihrem Nachbarn verkracht und wollen partout nicht mehr mit ihm reden? Dann können Sie hier aufhören zu lesen. Aber: Lesen Sie weiter, wenn Sie bereit sind, einen Neuanfang zu wagen. Denn dann haben Sie die richtige Einstellung zu Konflikten im Treppenhaus: Deren Ursache liegt oft genug in Missverständnissen, die einen handfesten Knatsch nicht wert sind. Was im Zusammenleben zwischen Nachbarn – vielfach mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund – zu Ärger führt, sind geteilte Meinungen über Wohnkomfort und Lebensqualität: Feierabend bedeutet für die einen Party, für die anderen Ruhe und Entspannung. Dann kann die Musik nur zu laut sein, die Besucher zu zahlreich, die Gerüche zu ätzend.

Kommt es im Mietshaus zum Streit, wird schnell die Verwaltung kontaktiert, eine Kündigung ausgesprochen, oder es wird gar der Richter bemüht. «Dabei wäre zuerst eine professionelle und neutrale Vermittlung fällig», meint Arnold Kausch, Experte für Konfliktlösungen bei der Fachstelle Mediation Basel und Liestal. So liesse sich manche Eskalation vermeiden, für die es eigentlich gar keinen Grund gibt.

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«Rumschleichende Afrikaner»

Wie im Fall der Westafrikanerin Sara Longo (Name geändert). Ihre Geschichte: Sie lieh einem Bekannten ihren Schlüssel, damit dieser in ihrer Wohnung etwas deponieren konnte. Er gab den Schlüssel jedoch nicht sofort zurück – und prompt fand Longo am nächsten Tag ihre Wohnung durchwühlt vor. Sie ging zur Polizei, die den Sachverhalt vor Ort überprüfte. «Zwei Wochen später erhielt ich die Kündigung», erzählt Sara Longo aufgebracht.

Die Mieterin meldete sich bei der Ausländerberatung der Gesellschaft für das gute und gemeinnützige Basel (GGG), die bei der Hausverwaltung nachfragte. Ergebnis: «Mir wurde gekündigt, weil die Polizei erschienen war und weil die übrigen Mieter wegen ‹im Haus rumschleichender Afrikaner› reklamiert hatten.» Kurz darauf nahm die Polizei den Schlüsseldieb jedoch fest, und die GGG-Vermittlerin konnte der Hausverwaltung klar machen, dass die afrikanischen Besucher nichts mit Sara Longo, sondern mit einem anderen Mieter zu tun gehabt hatten. Das Resultat der Vermittlung war erfreulich: Die Mieterin durfte in der Wohnung bleiben.

Solch speziell auf Nachbarschaftskonflikte ausgerichtete Angebote sind in der Schweiz für viele Verwaltungen, Abwarte und Bewohner von Mehrfamilienhäusern noch Neuland. «Leider», wie der Basler Mediator Arnold Kausch findet. Statt sofort mit rechtlichen Schritten zu drohen, wäre es im Konfliktfall wichtig, zuerst mit geschulten Vermittlern den Kontakt zu suchen. «Vermitteln bedeutet, miteinander zu reden, unverständliches Verhalten zu erklären, Vorurteile abzubauen, Brücken zu bauen», erklärt Kausch. «Ziel ist es letztlich, Regeln für das tägliche Miteinander zu entwickeln – Regeln, die dann für alle Beteiligten gelten.»

Allmählich werden die Chancen solcher Vermittlungen oder auch von Mediationen (siehe Nebenartikel « Wenn die Fetzen fliegen: Spielregeln für eine Einigung») im Wohnbereich erkannt. Zürich etwa verfügt schon über mehrere etablierte Anlaufstellen (siehe unten «Adressen»); in anderen Regionen ist man noch daran, Ähnliches auf die Beine zu stellen. Die Vorreiterrolle in der Schweiz nimmt Basel ein: IG Wohnen und Integration Basel haben in Zusammenarbeit mit vier Organisationen den Flyer «Nachbar? Machbar!» entwickelt und damit einen Standard geschaffen.

Übersetzer zwischen Kulturen

Da die Konflikte natürlicherweise in verschiedensten Variationen zutage treten, werden die Beratungen von den Basler Organisationen nach Art der Auseinandersetzung aufgeteilt. Einigkeit herrscht jedoch darüber, dass man bei der Vermittlung den allenfalls unterschiedlichen kulturellen Hintergrund der Parteien mitberücksichtigen muss; die Vermittlungspersonen werden also dort eingesetzt, wo bei ihnen dieses Wissen vorhanden ist. Immer öfter kommen die Fachleute ursprünglich aus ebendiesen Kulturen und nehmen das
spezielle kulturelle Wissen aus ihrer Herkunftsfamilie mit. «Das ist eine sehr gute Voraussetzung für Vermittlungen im interkulturellen Bereich», weiss Arnold Kausch aus eigener Erfahrung.


Adressen in Basel

  • Fachstellen Mediation Basel und Liestal, Telefon 061 421 31 02 und 076 580 76 79; Internet: www.mediation-basel.ch
  • Ausländerberatung der GGG, Telefon 061 206 92 22; Internet: www.auslaenderberatung-basel.ch
  • HEKS-Regionalstelle beider Basel, Telefon 061 367 94 00; Internet: www.heks.ch
  • Streit.Los, Hotline 061 317 66 70 oder 061 733 90 19

Adressen in Zürich

Adresse für Bern-West