Carlos Valderrama heisst der Mann, dessen Sammelbild alle Kinderaugen auf sich zieht. Auf welcher Position Valderrama spielt und bei welchem Verein er unter Vertrag steht, weiss zwar kaum jemand. Doch mit der gelben Wolle auf dem Kopf und dem schwarzen Schnäuzer im Gesicht ist der Kolumbianer der unbestrittene Star auf dem Pausenplatz.

Bald sind 30 Jahre vergangen, seit Valderramas Antlitz grosse und kleine Fussballfans zum Kichern brachte. Dort, wo das berühmte Bildli gedruckt wurde, werden in diesen Tagen wieder Abermillionen von Aufklebern hergestellt: in der Panini-Fabrik im norditalienischen Modena.

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Der Charme des Vergangenen

Die Produktion für die WM in Katar läuft auf Hochtouren, im September kommen die Panini-Bildli in die Läden. Beim Fabrikrundgang sagt Brand-Manager Tony Verdini stolz: «Wir produzieren hier, genau an diesem Standort, seit die Panini-Brüder das Unternehmen in den 1960er-Jahren gegründet haben.»

Die roten Backstein-Bodenziegel versprühen den Charme einer vergangenen Industrieepoche. Die grün-grauen Maschinen, mit denen die Sammelbildli gut verteilt in die einzelnen Beutel und Boxen gepackt werden, sind wie aus einer anderen Zeit. Fabrikarbeiterinnen in blauen Schürzen füttern sie – und zwar von Hand.

Hat Panini eine Zukunft?

Der Empfangsraum erinnert an einen dürftig gepflegten Postschalter. Die Scheiben sind verdreckt, die kaputte Deckenlampe mit einem Stück Papier abgeklebt. Der Panini-Hauptsitz macht den Eindruck, als hätte das Traditionsunternehmen seine besten Tage längst hinter sich.

Die Schlagzeilen, die letzten April die Runde machten, passen in dieses Bild: «Panini steigt zur EM 2024 aus Geschäft mit Fussball-Sammelbildern aus», schrieb der deutsche «Spiegel». Der «Blick» verkündete den «Sticker-Hammer» und meinte, dass es bald keine Panini-Bildli mehr gebe. Die «Süddeutsche» verabschiedete das Unternehmen mit einem dramatischen «Klebe wohl!».

Auslöser des Abgesangs war die Nachricht, dass Panini die Lizenzrechte für die Fussball-Europameisterschaften 2024 und 2028 verloren hat. Der US-Konkurrent Topps, der in Übersee durch seine Baseball-Sammelkarten berühmt ist, hatte dem europäischen Fussballverband Uefa offenbar mehr Geld geboten.

Der wohl grösste Panini-Sammler der Welt

Ein Leben ohne Panini? Für Gianni Bellini undenkbar. Der 59-jährige Italiener gilt als grösster Sticker-Sammler der Welt. Sein Haus, eine halbe Stunde von Modena entfernt, ist vollgestopft mit Aufklebern und Alben. Die Sammlung scheint vom Chaos regiert, sogar unter dem Tischtuch in der Stube kommt ein Bilderbogen zum Vorschein. Doch Bellini beteuert, dass er selbst sehr wohl wisse, wo er welche «figurine» findet.

Insgesamt gehören ihm rund 4000 Sammelalben, 40 Prozent davon aus dem Hause Panini. Dass er sich nach der WM in Katar einen neuen Lebensinhalt suchen muss, glaubt Bellini nicht. Ganz im Gegenteil: «Für die EM 2024 wird es wahrscheinlich sogar zwei Alben geben – eines von Topps und eines von Panini.» Der Verlust der Uefa-Lizenzrechte bedeute nicht automatisch, dass Panini kein Album herausgeben könne, erklärt der Profi-Sammler. Es werde einfach nicht das offizielle Uefa-Heft sein.

«Es wird sogar darauf geachtet, dass alle gleich in die Kamera ­lächeln. Das ist einzigartig!»

Gianni Bellini mit seiner Panini-Sammlung

Gianni Bellini, Panini-Bildli-Liebhaber

Quelle: Alberto Giuliani
Knallharte Verhandlungen

Ezio Bassi, Geschäftsführer von Panini Schweiz, sieht das genauso: «Es gab auch schon früher EM- und WM-Kollektionen, bei denen Panini nicht über alle Lizenzrechte der teilnehmenden Fussballverbände verfügte. Dennoch waren wir imstande, eine Kollektion zu lancieren mit allen Mannschaften und Spielern.»

Man bedauere zwar sehr, dass die Uefa die Lizenz nicht verlängert habe. Die Panini-Welt gerate aber nicht aus den Fugen, so Bassi. «Bis 2024 ist es noch eine lange Zeit, und es kann noch viel passieren. Wir werden auf jeden Fall darum kämpfen, eine interessante und gegebenenfalls innovative Kollektion anbieten zu können. Dieser Match hat erst begonnen.»

Der Kampf um die Pausenplätze dieser Welt hat sich drastisch verschärft. Während die Kids unbeschwert um fehlende Bildli feilschen, wird hinter den Kulissen knallhart verhandelt um Lizenzen und Rechte – und zwar mit jedem einzelnen Verband, teilweise sogar mit den Spielern. Auch der Schweizerische Fussballverband befindet sich derzeit in Gesprächen mit Panini. Zu deren Inhalt wollen die beiden Parteien jedoch keine Angaben machen.

US-Grosskonzern Fanatics greift an

Verantwortlich für die Turbulenzen auf dem Sammlermarkt ist der US-Grosskonzern Fanatics, der weltweit führende Anbieter von lizenzierten Sportartikeln. Lange konzentrierte sich Fanatics auf Trikots, Dächlikappen und Kaffeetassen in Vereinsfarben. Nun hat der umtriebige CEO und Hauptinvestor Michael Rubin Sammelkarten und Sticker für sich entdeckt.

Vor einem Jahr kaufte Fanatics die Exklusivrechte für die amerikanische Basketball-Profiliga NBA, die seit 2009 Panini innehatte. Wenig später holte man sich die Rechte für Sammelkarten der Baseball-Liga MLB; sie hatten seit über 70 Jahren dem Traditionsunternehmen Topps gehört.

Anfang 2022 übernahm Fanatics das Sammelkartengeschäft von Topps dann gleich ganz und sicherte sich damit die Lizenzen für die Fussball-Champions-League, die Bundesliga, die Formel 1 und die amerikanische Major League Soccer. Im Frühling kamen die Rechte für die EM dazu. What’s next?

Panini gehören nach wie vor die Rechte für die italienische, die spanische, die französische und die englische Fussballliga. Zudem halten die Italiener die wohl wichtigsten Rechte im Sport-Sticker-Universum: die für die Fussball-Weltmeisterschaften. Wie lange Panini die noch hat, ist geheim. Eines scheint aber klar: Langfristig hat in diesem Kuhhandel die besten Karten, wer das grösste Portemonnaie hat.

Zurzeit ist das Fanatics. Der Konzern mit 8500 Mitarbeitenden wurde kürzlich in einer Finanzierungsrunde mit 27 Milliarden US-Dollar bewertet. Zum Vergleich: Panini mit weltweit 1200 Angestellten erzielt einen Jahresumsatz von etwas mehr als einer Milliarde Euro.

Der Traum vom Museum

Angesichts dieser Grössenverhältnisse scheint es auch nicht ausgeschlossen, dass Fanatics nach Topps auch Panini schluckt. Ob es so weit kommt, entscheiden letztlich die aktuellen Eigentümer rund um den italienisch-argentinischen CEO Aldo Hugo Sallustro und die Bologneser Unternehmerfamilie Baroni.

Sammler Bellini glaubt nicht, dass Panini amerikanisch wird. Vater dieser Überzeugung könnte aber sein eigener Wunsch sein. Denn für Bellini steht fest: Niemand produziert so schöne Sticker-Alben wie Panini. «Da wird sogar darauf geachtet, dass die Spielerinnen und Spieler alle gleich in die Kamera lächeln. Das ist einzigartig!»

«Ein echter Sammler kauft und tauscht, verkauft aber nie.»

Gianni Bellini, Panini-Bildli-Liebhaber

Bellini ist kein Geschäftsmann. Geld verdienen will er mit seiner Sammlung nicht, selbst wenn er für viele seiner Alben mehrere Tausend Euro bekommen könnte. «Ein echter Sammler kauft und tauscht, verkauft aber nie!», sagt er mit italienischem Pathos.

Er träumt lieber von einem eigenen Museum. Einen besonderen Platz darin würde Torhüter Ivano Bordon aus dem Album der Serie-A-Saison 1972/73 einnehmen. Bordon ist der Carlos Valderrama des Profi-Sammlers: «Ich brauchte diesen Spieler, um meine erste Sammlung zu vervollständigen, und habe dafür 500 Doppelte getauscht.»

Heute kennt Gianni Bellini nicht mehr alle Namen der Spieler, auch einen Lieblingsverein kann er nicht nennen. So gross seine Faszination für das Sammeln, so hart sein Urteil über den Sport. «Der Fussball hat seine Seele verloren. Es geht nur noch ums Geschäft », sagt er.

Bittere Ironie: Durch seine Leidenschaft ist Bellini Teil dieses Milliardengeschäfts geworden. Um die Freude an seinem Hobby zu behalten, blendet er das aber aus. Fussballfans, die sich an der WM in Katar erfreuen wollen, haben kaum eine andere Wahl: Sie müssen es dem Panini-Papst gleichtun.

Das bleibt haften: Zahlen und Fakten rund um Panini
  • Ihr erstes Sammelalbum gaben die Brüder Benito und Giuseppe Panini 1961 heraus. Mit 90 Bildern von Spielern italienischer Fussballmannschaften.
     
  • Das Album zur Fussball-WM 2018 in Russland umfasste 682 Aufkleber. Es war das bisher umfangreichste Panini-Heft eines grossen Turniers.
     
  • Seltene Spieler gibt es nicht. Panini beteuert, dass jeder Spieler gleich oft gedruckt wird. Dass Superstars oft schwieriger zu bekommen scheinen, liege daran, dass sie von den Fans nur ungern getauscht würden.
     
  • Das erfolgreichste Turnier für Panini war die WM 2006 in Deutschland. Damals wurden über 800 Millionen Aufkleber verkauft.
     
  • Panini hat zahlreiche Angestellte, die für die Alben vorhersagen müssen, welche Spieler für eine WM nominiert werden. An der EM 2016 hatten sie eine Trefferquote von 85 Prozent.
     
  • 2017 wurden für ein Panini-WM-Album von 1970, signiert von Fussballlegende Pelé, 12'038 Euro bezahlt – Rekord!
     
  • Seit 2008 gibt es die Schweizer Panini-Alternative «Tschuttiheftli». Für die WM in Katar verzichten die Macher aber auf ein Album, aus politischen Gründen.
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