Bücher, die das Leben schreibt
Der Ratgeberverlag Beobachter-Edition feiert Geburtstag. Vorwort zu einem Buch, das man über ihn schreiben könnte.
Veröffentlicht am 4. April 2025 - 15:31 Uhr
Die Beobachter-Edition wird 40 Jahre alt: Die ehemalige Verlagsleiterin Käthi Zeugin (rechts) und die heutige Chefin Sarah Berndt
Warum eigentlich ausgerechnet 10’000? Warum nicht 13’500? Oder 8430? Wegen eines japanischen Uhrmachers aus den 1960ern. Der hatte gerade den modernen Schrittzähler erfunden und wollte damit seine Mitbürger zu mehr Bewegung motivieren. Aber wie viel ist genug? Das japanische Schriftzeichen für die Zahl 10’000 sieht ein bisschen aus wie ein marschierendes Männchen. Voilà.
Den Namen dieses Uhrmachers kennt heute kaum jemand mehr. Obwohl er ungewollt enormen Einfluss auf den Alltag von Abermillionen Bürolisten hatte, die heute seinetwegen die Treppe statt den Lift nehmen.
Dies verbindet ihn mit den Menschen, die über Jahre für die Beobachter-Edition geschrieben haben. Auch sie sind damit nicht berühmt geworden. Obwohl ihr Einfluss auf unseren Alltag, zusammengenommen, nochmals grösser sein dürfte. Ihre Ratgeber haben uns in den vergangenen 40 Jahren das Budgetieren beigebracht, der Rekrutenschule den Schrecken genommen, Kinder miterzogen – und den nationalen Bedarf an Friedensrichtern wahrscheinlich etwa halbiert.
Kleiner Beginn mit grosser Wirkung
Dass die Beobachter-Edition einmal der grösste Ratgeberverlag der Schweiz sein würde, hat niemand so geplant. Am Anfang war er nicht viel mehr als eine Marketingmassnahme. «Als ich den Verlag übernahm, war mein Auftrag: Werbung für den Beobachter machen», sagt Käthi Zeugin. Wobei Verlag schon ein grosses Wort ist für das, was man ihr damals übergab: ein Sammelsurium aus Ratgebern, Kinderbüchern, Kunstmappen. Ein Lager voller unverkäuflicher Titel, kaum Kontakte zum Buchhandel. Aber immerhin: Erfahrung mit Versandhandel.
«Am Telefon wurde die Empfangsmitarbeiterin manchmal gefragt: ‹Grüezi Frau Beobachter, ist Ihr Mann da?›»
Käthi Zeugin, ehemalige Verlagsleiterin
Die Schweiz war eine andere, als Käthi Zeugin als Assistentin zum Beobachter kam: «Wenn die Empfangsmitarbeiterin ans Telefon ging, wurde sie manchmal gefragt: ‹Grüezi Frau Beobachter, ist Ihr Mann da?›» Da der Buchverlag rote Zahlen schrieb, strich Zeugin erst einmal das Programm zusammen. Maximal vier Bücher pro Jahr. Ausschliesslich Ratgeber. Thematisch da, wos wehtut.
Das dritte Buch hiess «Frau im Beruf» und machte schon in der Einleitung klar, dass es auch Männern ganz guttäte, es zu lesen. Überhaupt war die Stellung der Frauen in einer ungleichen Gesellschaft immer wieder ein Thema. Etwa in «Scheidung», dem allerersten Beobachter-Ratgeber. Als er erschien, durften verheiratete Frauen ohne Unterschrift des Mannes noch kein Bankkonto eröffnen – geschweige denn eine Stelle annehmen.
Stetige Aktualisierung der Bücher
Das Einfordern der eigenen Rechte zieht sich durch die ganze Publikationsgeschichte der Beobachter-Edition. Bis 2000 mussten die Gerichte bei einer Scheidung die «Schuldfrage» klären, das gemeinsame Sorgerecht ist erst seit zehn Jahren die Regel statt die Ausnahme – im Gleichschritt mit jedem Fortschritt erschien eine neue, aktualisierte Auflage. Oder gleich ein neues Buch.
«Leserinnen schätzen Expertise auf Augenhöhe.»
Verlagsleiterin Sarah Berndt
Als das Stimmvolk 2021 die gleichgeschlechtliche Ehe annahm, gab Verlagsleiterin Sarah Berndt umgehend eine neue Auflage von «Heiraten! Was Paare wissen müssen» in Druck. Mit neuem Untertitel auf dem Cover: «Was alle Paare wissen müssen». Die Beobachter-Edition, die sie heute leitet, ist ein professionelles Maschinchen. Mit knapp fünf Vollzeitstellen hält Berndt die unterdessen hundert Bücher im Katalog aktuell und entwickelt stetig neue dazu.
Wer die Bücher der Pionierzeit mit ihren Nachfolgern vergleicht, sieht, wie sich neben Recht und Moral auch der Geschmack gewandelt hat. «Leserinnen wollen heute mehr Struktur, mehr Interaktion, mehr Tempo, und sie schätzen Expertise auf Augenhöhe», sagt Berndt. E-Books, Kompaktausgaben, Workbooks zum Mitmachen, neue Themen von Tierrecht bis Schlafhygiene – mit all dem will sie die Kinder und die Enkel jener abholen, die noch eine vergilbte Ausgabe von «Jung, na und!» im Regal stehen haben.
Leserinnen und Leser ermächtigen
Der Kern, da sind sich Zeugin und Berndt einig, ist aber noch derselbe wie damals: Bücher, auf die man sich verlassen kann. Unabhängig. Und dazu da, Leserinnen und Leser zu ermächtigen – Kapitel für Kapitel, Schritt für Schritt.
Mit dem Lesen dieser Ratgeber ist es wie mit dem Schrittezählen: ein bisschen Arbeit, ja, aber eine Investition fürs Leben.