Ein Hinterhof mitten in Zürich. Bäume und Hecken spriessen in saftigem Grün. Doch kein Pieps ist zu hören. Plötzlich springt Asrael aus einer Hecke hervor, der Kater vom Nachbarhaus. Aus seinem Maul hängt ein Vogel. Was für einer, ist nicht mehr zu erkennen.

Asraels gibt es viele in der Schweiz. Sehr, sehr viele: Über 1,6 Millionen Katzen leben zwischen Rorschach und Genf, in mehr als jedem vierten Haushalt mindestens eine Haustiere Glück auf vier Pfoten . In den letzten 25 Jahren ist die Population um fast einen Drittel gestiegen. Drei von vier Tieren halten sich regelmässig im Freien auf.

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Vögel bekommen das zu spüren, aber auch Mäuse, Eidechsen und Blindschleichen: Mehr als 10 Millionen Wildtiere werden in der Schweiz pro Jahr von Katzen getötet, schätzen Fachleute. Im Mai und Juni trifft es die Vögel besonders hart, weil ihre Jungen schlüpfen. Bis zu 600'000 fallen dann den Räubern aus der Stube zum Opfer. Vor allem in den Städten. In Zürich etwa leben pro Quadratkilometer 600 Katzen, in manchen Quartieren noch mehr. Zum Vergleich: Bei den Stadtfüchsen, dem häufigsten wilden Räuber in der Stadt, sind es 11 Tiere auf einen Quadratkilometer.

Stadt wird für Vögel immer wichtiger

«Die vielen Katzen in gewissen Gebieten sind für die Vogelwelt ein Problem», sagt Stefan Bachmann vom Vogelschutzverband Birdlife. Dabei wird der Lebensraum Stadt für Vögel immer wichtiger Urban Birding Die Städter kommen auf den Vogel . Im Kulturland, auf Feldern und Wiesen, nimmt ihr Bestand dramatisch ab. Wegen der intensiven Landwirtschaft mit Pestiziden und Monokulturen finden dort viele Arten kaum noch Nahrung. Gärten und Parks dagegen bieten Vögeln ähnliche Lebensbedingungen wie der Wald.

Trotzdem gehen zum Beispiel die Bestände Rotmilane in der Schweiz Eine rätselhafte Rückkehr von Grünfink, Grauschnäpper, Mehlschwalbe und Girlitz im Siedlungsgebiet zurück, sagt Bachmann. Der Gartenrotschwanz sei fast ausgestorben.

Natürlich gebe es dafür viele Gründe. Etwa immer weniger Insekten und Samen auch hier, kaum mehr naturnahe Ecken, keine Nistmöglichkeiten an modernen Hausfassaden und todbringende Glasscheiben. «Katzen sind aber ein Faktor, warum Vögel nicht alle geeigneten Flächen besiedeln können», sagt der Ornithologe.

Töten aus Spass

Bachmann wählt seine Worte mit Bedacht. Denn die Frage, was Katzen für ihre Umwelt bedeuten, hat sich in den letzten Jahren zu einem teilweise erbitterten Streit entwickelt – weltweit.

Für manche Wildtierforscher ist das beliebteste Haustier Haustiere Welches Tier passt zu mir? das Problemtier schlechthin. Von Menschen gehegt, gepflegt und oft sogar medizinisch versorgt, sind Hauskatzen Raubtiere nur aus Spass. Im Siedlungsgebiet haben sie keine natürlichen Feinde, die Wildtierwelt im Garten ist für sie zum Austoben da. Sie müssen sich nicht schonen und nicht Mass halten. Wenn es keine Beute mehr gibt, wartet das Futter im Napf. Die Freude am Jagen aber ist ihnen angeboren, der Instinkt auch nach Tausenden Jahren Domestizierung intakt. Als «Killer mit Kulleraugen» bezeichnete das deutsche Nachrichtenmagazin Spiegel 2013 die Tiere.

Verheerend in Australien und Neuseeland

Tatsächlich töten Katzen gern und enorm viel: In den USA pro Jahr bis zu 3,7 Milliarden Vögel und bis zu 20 Milliarden Säugetiere, so eine Studie von 2013. «Für die Vogelwelt sind Katzen eine grössere Gefahr als Fensterscheiben, Windräder und Pestizide zusammen», schreiben die Autoren.
 

«Die Hauskatze ist der grosse Feind der Artenvielfalt.»

Peter Berthold, Ornithologe


Besonders prekär ist die Situation in Australien, Neuseeland und Ozeanien. Bis zur Ankunft der Europäer im 17. Jahrhundert gab es dort kaum Landraubtiere. Die einheimische Fauna entwickelte deshalb keine Schutzmechanismen und ist den fremden Räubern schutzlos ausgeliefert. Katzen haben bereits 30 Vogel-, Reptilien- und Säugetierarten ausgelöscht.

Die Weltnaturschutzunion führt die ursprünglich aus Afrika stammende Hauskatze auf der Liste der 100 weltweit gefährlichsten invasiven Arten. Deutschlands bekanntester Ornithologe Peter Berthold sagt über die Spezies Felis catus: «Sie ist der grosse Feind der Artenvielfalt.»

Katzenverbot gefordert

Überall auf der Welt wollen Naturschützer deswegen den Katzen an den Kragen. Die Forderungen reichen von staatlich verordnetem Hausarrest während der Vogelbrutzeit bis zum kompletten Verbot, Katzen zu halten. In Australien macht die Regierung offiziell Jagd auf verwilderte Katzen und will bis 2020 mindestens 2 Millionen töten, teils durch Abschüsse, teils mit Gift.

Ausserhalb Ozeaniens und der USA hat bisher jedoch keine Regierung Massnahmen beschlossen. Auch in der Schweiz nicht. Einzig in der Nähe von besonders schützenswerten Gebieten wie Flachmooren ist es in Einzelfällen verboten, Katzen zu halten. Verwilderte, herrenlose Katzen dürfen von Jägern erlegt werden, sofern sie sich mindestens 300 Meter entfernt vom nächsten Haus befinden. Im Kanton Zürich etwa geschah das seit 2009 aber nur elf Mal, heisst es beim Amt für Landschaft und Natur.

Amseln und Meisen am meisten betroffen

Ein Grund für die Zurückhaltung ist, dass man Katzen kriminologisch kaum überführen kann. «Wie stark sie den Vögeln wirklich zusetzen, lässt sich nicht genau belegen», sagt Madeleine Geiger von der Zürcher Forschungsgemeinschaft für Stadtökologie und Wildtierforschung SWILD. Zahlen beruhen meist auf Hochrechnungen, Studien gelten immer nur für ein bestimmtes Gebiet. «Die Resultate kann man nicht verallgemeinern.»

Zwischen 7 und 80 Beutetiere erlegt eine Katze Haustiere von A bis Z Was unsere Leser wissen wollen pro Jahr im Schnitt – ein enorm grober Wert. Junge Katzen jagen öfter als ältere, hungrige mehr als satte. Es sei ein Irrglaube, dass man Katzen von der Jagd abhält, wenn man sie füttert, sagt Geiger. «Eher hilft es, wenn man oft mit ihnen spielt.»
 

«Besonders wichtig sind Dornbüsche, in denen die Jungvögel vor Katzen sicher sind.»

Stefan Bachmann, Birdlife Schweiz


Auch wie stark der Vogelbestand leidet, ist schwer zu fassen. Erwischt es vor allem schwache und kranke Tiere oder auch gesunde, starke? Allein die Anwesenheit von Katzen setzt Vögel unter Stress. «Was das für Folgen hat, lässt sich bei Wildtieren jedoch nur schwer messen», sagt Expertin Madeleine Geiger.

Gewiss ist nur: Katzen sind nicht wählerisch. Am häufigsten fallen ihnen jene Vogelarten zum Opfer, von denen es am meisten gibt. In der Schweiz sind das Amseln, Kohlmeisen und Spatzen. «Trotzdem kommt man auch hier nicht um die Tatsache herum: Katzen setzen den Vögeln und anderen Wildtieren stark zu und können ihren Bestand gefährden», sagt Geiger.

Katzensteuer für den Wildtierschutz

Katzenhalter sollten deshalb dafür sorgen, dass ihre Stubentiger bei der Jagd nicht zu erfolgreich sind Garten Mit Kanonen auf Katzen? , sagt die Biologin. Etwa indem sie sie für zwei, drei Wochen im Haus lassen, wenn im Garten Jungvögel leben. Oder ihnen ein Glöcklein oder einen speziellen bunten Kragen anlegen. «Die meisten Katzen gewöhnen sich schnell daran.» Plastik- oder Blechmanschetten um Baumstämme verhindern, dass Katzen hochklettern.

Die beste Hilfe für Vögel sei aber ein naturnah gestalteter Garten Naturgarten Buntes Treiben rund ums Haus , sagt Stefan Bachmann von Birdlife. Bäume, Sträucher, Naturwiesen und Asthaufen bieten gute Verstecke. Zudem sind sie ein Lebensraum, wo Vögel und andere Wildtiere Nahrung finden. «Besonders wichtig sind Dornbüsche, in denen die Jungvögel vor Katzen sicher sind.»

Der Vogelschutzbund fordert derzeit keine vom Bund verordneten Schutzmassnahmen. Madeleine Geiger von SWILD hingegen wünscht sich eine Registrierungspflicht für Katzen. «Dann wüsste man genauer, wie viele Tiere es in einem Gebiet gibt, und könnte entlaufene Katzen ihren Besitzern zurückvermitteln, bevor sie verwildern.» Eine Katzensteuer würde ausserdem Geld für den Wildtierschutz bringen. «Ich bin überzeugt, dass die Artenvielfalt auch vielen Katzenhaltern am Herzen liegt.»

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Raphael Brunner, Redaktor
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