Alle Welt spricht von der Wende in der Energiepolitik. Doch die Öl- und Gasheizungen in Schweizer Wohnhäusern blasen nach wie vor Unmengen des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) in die Luft. Die grosse Mehrheit der Ein- und Mehrfamilienhäuser – über eine Million – heizt unverdrossen weiter mit Öl und Gas. Dabei wäre es technisch einfach, die Heizungen auf erneuerbare Energien umzurüsten. Dadurch würde bis zu zwölfmal weniger CO2 ausgestossen.

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Noch krasser ist: Rund zwei Drittel der ausgedienten Heizanlagen von Mehrfamilienhäusern werden durch Öl- und Gasheizungen ersetzt. Nur geringfügig besser sieht es bei Einfamilienhäusern aus. Etwa die Hälfte der Eigentümer entscheidet sich bei Umbau oder Ersatz wieder für fossile Heizträger. Das zeigen Daten der Beratungsfirma Wüest Partner.

Warum wechseln Hausbesitzer nicht auf saubere Heizenergie? Häufig ziehen sie gar keine Alternativen in Betracht, zeigt eine Umfrage von Energieforschung Stadt Zürich. Es mangelt an neutralen Informationen und an gründlicher Planung. Nur wenige lassen sich für ihren Entscheid fachlich beraten.

Fehlende Beratung

Ohne Beratung sind viele überzeugt, ihr Gebäude sei für eine Umrüstung auf eine Wärmepumpe ungeeignet, weil etwa die Radiatoren alt sind oder die Isolation schlecht ist. Oft schrecken sie auch vor den höheren Investitionskosten zurück. Dabei senkt ein neuer Energieträger, kombiniert mit etappenweisen Verbesserungen an Fenstern, Fassade und Isolation, die Betriebskosten stark.

Stephan Peterhans von der Fachvereinigung Wärmepumpen Schweiz sieht auch die Bewilligungsverfahren als Ärgernis. «Für den Einbau einer neuen Gas- oder Ölheizung ist die Bewilligung fast überall eine reine Formsache», sagt er. «Für Wärmepumpen ist das Verfahren meist wesentlich aufwendiger.» Peterhans kritisiert, dass die Verfahren derart unterschiedlich sind – zumal in einer so grundsätzlichen Frage.
 

«Umwelt- und Bauämter arbeiten offenbar gegeneinander.»

Stephan Peterhans, Fachvereinigung Wärmepumpen Schweiz


Für Wärmepumpen, die die Energie aus dem Grundwasser oder dem Untergrund schöpfen, sind Bohrungen meist nur in bestimmten Bauzonen gestattet. Und die von der Installation her weniger aufwendigen Luft-Wasser-Wärmepumpen setzen eine ausdrückliche Baubewilligung und zusätzlich noch einen Lärmschutznachweis voraus. «Umwelt- und Bauämter arbeiten offenbar gegeneinander», folgert Peterhans.

Eine Schlüsselrolle kommt auch den Heizungsinstallateuren zu. Weil Bauherren Offerten und Preise vergleichen, sind die Installateure in einem Interessenkonflikt. «Wenn einer eine nachhaltige Lösung mit erneuerbarer Energie offeriert, ist er im Wettbewerb oft aus dem Rennen», sagt Andreas Baumgartner vom Ingenieurunternehmen Amstein + Walthert.

Um Fehlentscheide zu vermeiden, lohnt es sich, mehrere Varianten zu vergleichen: Wärmepumpe, zeitgemässe Heizung mit Holzpellets, Anschluss an einen Wärmeverbund, Sonnenkollektoren Solarenergie fürs Eigenheim Strom von der Sonne anzapfen oder eine Kombination dieser erneuerbaren Energieträger. «Das Ziel für die Zukunft muss sein, dass Heizungsinstallateure an erster Stelle eine Heizung mit erneuerbarer Energie vorschlagen», fordert Marianne Zünd vom Bundesamt für Energie.

Kantonale Mustervorschriften

Politisch hat das Anliegen einen schweren Stand. In der Schweiz sind fossile Brennstoffe für Heizungen nicht verboten, trotz entsprechenden Vorstössen. Ein Verbot ist nicht mehrheitsfähig.

Zudem revidieren viele Kantone ihre Bau- und Energievorschriften ausgesprochen schleppend. Nur eine Minderheit hält sich bisher an die Mustervorschriften. Diese sehen verbindliche Eckpunkte für den Heizungsersatz vor.

Voran gingen bisher die Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Obwalden; hier sind die neuen Vorschriften bereits in Kraft. Jetzt zieht Luzern nach, wo die Vorlage letzten Juni angenommen wurde. Im Kanton Solothurn scheiterte das neue Energiegesetz an der Urne. In Zürich bringt die Regierung die Vorlage nächsten Frühling ins Kantonsparlament. So werden die neuen Regeln dort frühestens 2021 in Kraft gesetzt.

Viele denken, die Mustervorschriften liefen auf ein Verbot von Öl- und Gasheizungen hinaus. Das stimmt nicht. Ähnlich wie für einen Neubau sehen sie lediglich gewisse Zielwerte vor, etwa eine Energiemenge für Heizung und Warmwasser von 100 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Ein Anteil von mindestens zehn Prozent des Bedarfs muss gegenüber dem früheren Zustand entweder eingespart oder durch erneuerbare Energie abgedeckt werden. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel: Der Eigentümer installiert zusätzlich eine Anlage für Fotovoltaik oder Solarthermie für Warmwasser.
 

«Der Druck, auf erneuerbare Energie umzusteigen, ist zu wenig gross.»

Robert Diana, Branchenverband Suissetec


Grundsätzlich bieten die Mustervorschriften eine grosse Flexibilität. Die Vorgaben lassen sich auch durch bauliche Massnahmen umsetzen, etwa durch Verbesserung der Gebäudehülle, Ersatz der Fenster oder eine Kombination verschiedener Energieträger. Zudem belohnen die Behörden freiwillige Optimierungen wie Minergie-Zertifikate damit, dass keine weiteren Massnahmen gefordert sind.

«Der Druck, auf erneuerbare Energie umzusteigen, ist zu wenig gross», kritisiert Robert Diana vom Branchenverband Suissetec. Er empfiehlt Hauseigentümern, «hartnäckig beim Installateur nachzufragen». Wer Energie und Wärmekosten einsparen will, solle sich einen durchdachten Plan Heizung Eine Investition, die rentiert zurechtlegen und längerfristig kalkulieren.

Gängige Systeme

Energieträger am Beispiel eines Einfamilienhauses mit 14'400 Kilowattstunden Wärmeenergiebedarf.
 

  Gesamtkosten
pro Jahr1
Klimabelastung
pro Jahr
 
Ölheizung CHF 3700 4680 kg CO2
  • Energie zu 100 Prozent importiert
  • Tank braucht Platz
Gasheizung CHF 3000 3650 kg CO2
  • Energie zu 100 Prozent importiert
  • braucht Gasnetz
  • bessere Klimawerte mit Biogas
Sonnenkollektoren CHF 3300* 3190 kg CO2*
  • meist als ergänzendes System zu Öl, Gas oder Pellets

* in Kombination mit Gasheizung

Fernwärme CHF 4318* 820 kg CO2*
  • gute Klimawerte mit Abwärme aus Abfallverbrennung
  • braucht Fernwärmenetz

* Musterrechnung, Fernwärme Zürich

Holzpelletheizung CHF 3800 710 kg CO2*
  • Silo für Pellets braucht Platz

* Wert für Heizung mit Feinstaub-Partikelfilter

Luft-Wärmepumpe CHF 2900 490 kg CO2*
  • grosse Unterschiede je nach Stromqualität
  • nur im Flachland effizient

* Emissionen mit zertifiziertem Ökostrom

Wärmepumpe mit Erdsonde CHF 2800 380 kg CO2*
  • grosse Unterschiede je nach Stromqualität
  •  

* Emissionen mit zertifiziertem Ökostrom

1 Gesamtkosten pro Jahr (Energiepreis und Abgaben 2018)

Tipps: Ersatz planen

Zustand prüfen

Ein konventioneller Heizkessel hat eine Lebensdauer von rund 20 Jahren, Gebäudeteile wie Fassade oder Fenster muss man periodisch erneuern. Um den Zustand zu beurteilen und die Erneuerung zu planen, ziehen Sie am besten einen Architekten oder Energieberater bei.

 

«Warnsignale» beachten 

Achten Sie auf Signale, die auf ein Ende der Heizung hindeuten, etwa die Rückmeldungen des Kaminfegers oder die Fristen für den Brennerservice.

 

In Ruhe planen

Entscheiden Sie nie unter Zeitdruck. Selbst wenn mitten im Winter die Heizung versagt, können Sie zum Beispiel mit einer mobilen Heizzentrale überbrücken.

 

Möglichkeiten prüfen

Lassen Sie vom Installateur mehrere Varianten durchspielen. Entscheiden Sie nicht nur aufgrund der Kosten. Holen Sie im Zweifelsfall eine Zweitmeinung ein.

 

Potenzial ausloten

Prüfen Sie, welche Energieformen auf dem Grundstück realisierbar sind und ob es eventuell Förderbeiträge gibt (energiefranken.ch).

 

Energiebilanz anfordern

Für ältere Gebäude lohnt sich ein «GEAK Plus»: Dieser Bericht der Kantone umfasst eine Beurteilung der Energiebilanz. Der Auftraggeber erhält konkrete Vorschläge zur Sanierung – inklusive Varianten und Kostenschätzungen (geak.ch).

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Matthias Pflume, Leiter Extras
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