«Lückenlose Aufklärung» versprach André Zemp im August 2024. Der Spitalratspräsident des Unispitals Zürich (USZ) kündigte an, eine vom ehemaligen Bundesrichter Niklaus Oberholzer geführte unabhängige Kommission werde die Vorkommnisse an der Herzklinik des USZ untersuchen. Unter Klinikdirektor Francesco Maisano waren in der Zeit von 2016 bis 2020 am USZ 350 Patientinnen und Patienten im Zusammenhang mit einer Herzoperation gestorben. Gemessen am Euroscore, sind das ungewöhnlich viele. Der Euroscore ist ein Risikomodell, mit dem Sterbewahrscheinlichkeiten bei Operationen berechnet werden können. 

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Fragwürdiges Cardioband wird nicht mehr verwendet

Seither ist ein halbes Jahr vergangen. Erstaunlicherweise hat Oberholzer eine ganze Reihe der wichtigsten Auskunftspersonen noch nicht kontaktiert. Etwa den Herzchirurgen André Plass. Ihm ist es zu verdanken, dass die gravierenden Missstände überhaupt aufgedeckt wurden. Der damalige leitende Arzt an der Herzklinik hatte sowohl die Spitaldirektion als auch den Spitalrat mehrfach auf die problematischen Sterberaten und weitere Missstände aufmerksam gemacht.

Eine Ursache für die erhöhten Sterberaten war gemäss Plass das Cardioband, ein vom damaligen Klinikdirektor Francesco Maisano entwickeltes Herzimplantat. Maisano war an der Herstellerfirma des Cardiobands finanziell beteiligt. Oberholzer hat sich auch bei ihm noch nicht gemeldet, wie Maisano gegenüber dem Beobachter bestätigt.

Damals trennten sich das USZ und die Universität Zürich von Maisano. Ein Gutachten hatte ihm mehrfaches wissenschaftliches Fehlverhalten sowie das Verheimlichen von Interessenbindungen vorgeworfen. Das Cardioband wird inzwischen am USZ nicht mehr verwendet. 

Herzchirurg Carrel wundert sich

Bislang nicht kontaktiert wurde auch der Herzchirurg Thierry Carrel. Er sei darüber etwas verwundert, sagt er. Carrel wurde 2021 zusammen mit Paul Vogt von der damaligen Spitaldirektion als neue Klinikleitung eingesetzt. Als einer, der der Klinik in der schlimmsten Zeit der Krise zur Stabilisierung verhalf, kennt er viele Details über die Verhältnisse in der Zeit von Maisano.

Der Beobachter weiss von mindestens drei weiteren zentralen Protagonisten, bei denen sich Oberholzer auch nicht gemeldet hat. Wie kann man die Vorkommnisse untersuchen, wenn man nicht mit den wichtigsten Auskunftspersonen spricht?

Whistleblower André Plass beunruhigt 

Für André Plass ist die Situation nach nunmehr der Hälfte der Untersuchungszeit beunruhigend. Denn bereits im Jahr 2020 habe das USZ schonungslose Aufklärung versprochen und eine Anwaltskanzlei mit einer Untersuchung beauftragt. Der Schlusssbericht habe dann vor allem Nebensächlichkeiten thematisiert, so Plass. «Um die entscheidenden Fragen, etwa zu den Ursachen für die unterschlagenen Komplikationen, zu der hohen Sterberate und zu den mutmasslich vermeidbaren Patientengefährdungen, machte er einen grossen Bogen», so Plass. «Ich befürchte, die Geschichte wiederholt sich nun.»

Konfrontiert mit diesen Vorwürfen, schreibt Niklaus Oberholzer dem Beobachter, die Untersuchungskommission habe ihre Arbeit aufgenommen. Sie äussere sich aber während der laufenden Untersuchung weder zur Methodik noch zu einzelnen Aspekten. Nach Abschluss der Untersuchung werde der Bericht veröffentlicht.